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Es war schon eine seltsame Situation damals, im Dezember 2006, rund zwei Wochen vor Weihnachten. Das Ende der Ära Finke wurde vom SC Freiburg nun auch offiziell verkündet.

Die Personalie spaltete die Anhängerschaft. Die einen empfanden die Nachricht als vorweihnachtliches Geschenk. Die anderen fragten sich, ob man im Schwarzwald denn noch alle Nadeln an der Tanne hätte.

Alles blieb anders

16 Jahre Volker Finke. Nur Helmut Kohl regierte ebenso lang. Während man sich im rot-grünen Freiburg zehn Jahre zuvor mit dem politischen Machtwechsel sehr gut arrangieren konnte, fiel dies auf sportlicher Ebene schon schwerer. Sport-Club ohne Finke? - Das klang nach Münster ohne Glocken.

Doch nur rund anderthalb Jahre später darf man erstaunt feststellen: Das größte Domgeläut Deutschlands dröhnt immer noch aus dem historischen Glockenstuhl durch die Altstadt und der SC Freiburg spielt immer noch erfolgreich Profi-Fußball.

Die Art und Weise, wie die aktuelle sportliche Führung um Trainer Robin Dutt und Manager Dirk Dufner den SCF neu erfunden hat, nötigt schon eine Menge Respekt ab. "Alles blieb anders", könnte man den Prozess wohl am besten umschreiben.

Jede Menge Frischblut

Der Blick in den Rückspiegel wurde von Beginn an vermieden. "Was davor war, interessiert mich nicht", hatte Dutt bei Dienstantritt gegenüber bundesliga.de auf eine Frage mit Finke-Bezug geantwortet. "Wir wollen natürlich so viel wie möglich von dem übernehmen, was gut war. Und dort, wo uns neue Dinge einfallen, wollen wir diese hinzufügen."

Gleich in der ersten Saison spielte Freiburg entgegen zahlreicher Negativprognosen um den Aufstieg mit, obwohl einige Leistungsträger den Verein verlassen hatten. Mit Daniel Schwaab steht mittlerweile nur noch ein einziger Spieler der Finke-Ära im aktuellen Kader. Dutt hat den Club ans Dialysegerät angeschlossen, in Rekordzeit altes gegen frisches Blut ausgetauscht und dabei nicht einmal den kurzfristigen Erfolg geopfert.

Mit Wille, Ehrgeiz und den Fans ans Ziel

In der letzten Saison mit Volker Finke an der Seitenlinie hatte der Sport-Club an den ersten sieben Spieltagen nicht gewonnen. Nun stehen schon fünf Siege auf der Habenseite. So gut wie aktuell (16 Punkte) stand Freiburg nach dem 7. Spieltag zuletzt vor sechs Jahren da. Damals gelang zum Saisonende der Aufstieg.

Und nichts anderes will der SCF am Ende dieser Saison erreichen. "Jeder Spieler von uns hat den Anspruch, in die Bundesliga zu kommen. Wir scheuen uns nicht davor dieses Ziel auch auszusprechen", umreißt Kapitän Heiko Butscher das neue Selbstbewusstsein an der Dreisam.

"Wir wollen Freiburg und unseren Fans zeigen, dass wir eine ehrgeizige Mannschaft mit einem großen Willen haben. Dann muss man nicht herumeiern und sagen: 'Mal schauen, was nächstes Jahr passiert.' Dieses Jahr ist es nun ganz klar und daran wollen wir uns auch messen."

Stürmisches Freiburg

Robin Dutt hat die Messlatte selbst sehr hoch gelegt, überspringt sie bisher aber auch elegant. Er lässt modern spielen, fordert schnelles, vertikales Direktspiel in die Spitze sowie kompaktes Defensivverhalten über alle Mannschaftsteile hinweg. Innenverteidiger Heiko Butscher kann vorne Tore vorbereiten und schießen, Angreifer Mo Idrissou verhindert sie hinten - so sieht das dann aus.

Und noch etwas ist charakteristisch für den neuen SC Freiburg: Teamgeist, Gemeinschaftsgefühl. Der kollektive Torjubel erinnert bisweilen an Schüler, die soeben hitzefrei bekommen haben. "Ich alleine bekomme das nicht hin", gab sich Dutt in einem Interview mit bundesliga.de bescheiden.

Der SC - das ist Freiburg

"Wenn ein guter Teamgeist da ist, dann ist auch hauptsächlich das Team dafür verantwortlich. Wir versuchen nur die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen und Teamgeist vorzuleben. Aber letztlich muss man auch bei der Auswahl der Charaktere etwas Glück haben, ebenso in der Art und Weise, wie man mit den Spielern umgeht. Den Rest machen die Spieler dann alleine - und sie machen es ganz hervorragend."

Dazu kommt eine wertvolle Identifikation zwischen Fans und Team. Der Durchlauf von Nachwuchsspielern in den Profi-Kader ist in Freiburg zwar nicht neu. Dutt und Nachwuchs-Coach Christian Streich haben die Intensität allerdings deutlich erhöht. Schwaab, Uzoma, Toprak, Flum, Glockner. Top-Talente, die in der Freiburger Fußballschule ihre Reifeprüfung erfolgreich abgelegt und den Sprung von den Amateuren zu den Profis geschafft haben.

Freiburg kommt zurück

Der Übergang von Volker Finke auf Robin Dutt war kein Rückschritt, nicht einmal Gleichschritt, vielmehr Fortschritt. Und mittlerweile ist auch den meisten Zweiflern klar geworden, dass der neue Trainer auf seinem Weg keine Freiburger Ideale "verraten" will.

Das Gegenteil ist der Fall. Der charmante und traditionelle Idealismus, den Volker Finke einst geboren hatte, wird von seinem Nachfolger als Freiburger Charakterzug akzeptiert und gepflegt. Die Fans scheinen es erkannt zu haben, nehmen Trainer und Team an. Die Stimmung bei Heimspielen, vor allem auf der Nord, hat sich hörbar verbessert. Aber da geht noch mehr.

Zurück zu alter Stärke? - Wohl eher frisch auf zu neuer Klasse.

Michael Wollny