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München - Das Berliner Olympiastadion am 15. Mai 2011, es ist etwa kurz nach halb vier: Hertha BSC ist am Ziel! Nach dem 2:1-Sieg über den FC Augsburg vor der Rekordkulisse von 77.116 Zuschauern brechen bei Fans und Spielern alle Dämme. Mittendrin stehen Trainer Markus Babbel und Sportgeschäftsführer Michael Preetz in dunkelblauen Wiederaufstiegs-T-Shirts mit dem Aufdruck "Mission erfüllt!" und stemmen die Meisterschale der 2. Bundesliga in die Höhe.

Bis dahin war es für die "Blau-Weißen" jedoch ein ebenso langer wie steiniger Weg. Denn als sich die "Alte Dame" im Vorjahr nach einer traurigen Saison mit nur fünf Siegen als abgeschlagenes Schlusslicht aus dem "Oberhaus" verabschiedete, sprach im ersten Moment nicht allzu viel für eine solch triumphale Rückkehr.

Qualität statt Quantität

Besonders für Babbel, aber auch für Preetz waren es daher mehr als aufreibende zwölf Monate - eine absolute Mammutaufgabe. Gemeinsam stellten die beiden Ex-Nationalspieler eine schlagkräftige und vor allem spielstarke Truppe aus erfahrenen Profis und vielversprechenden Talenten zusammen, die auch in der neuen Spielzeit das Grundgerüst der Mannschaft bilden wird.

Hinzu kommen wenige, dafür ganz gezielte Verstärkungen, die den Hauptstädtern im Kampf um den Klassenerhalt sicherlich weiterhelfen dürften: Im Tor soll Thomas Kraft vom FC Bayern den Kasten sauberhalten, in der Mittelfeldzentrale sein Münchner Kollege Andreas Ottl die Fäden ziehen. Außerdem wurde für den Angriff mit dem türkischen Nationalspieler Tunay Torun vom Hamburger SV ein echter Allrounder verpflichtet.

Preetz tritt auf die Euphoriebremse

Von der aufkommenden Euphorie und den wachsenden Erwartungen im Umfeld wollen sich die Verantwortlichen dennoch nicht anstecken lassen. Wenngleich das einst eher kritische Berliner Publikum dem Verein schier die Bude einrennt und die Mitgliederzahlen während des vergangenen Jahres von weniger als 20.000 auf 25.000 explodiert sind, steht Preetz weiterhin mit beiden Beinen auf dem Boden.

"Wir haben eine junge Mannschaft, deren Entwicklungspotenzial noch längst nicht ausgeschöpft ist. Jeder Einzelne wird noch zulegen", gibt der 43-Jährige gewohnt nüchtern zu Protokoll. "Allerdings müssen wir auch so realistisch sein, zu erkennen, dass es für Hertha BSC in der kommenden Saison um nichts anderes geht, als die Klasse zu halten. Dies allein hat Priorität, irgendwelche anderen Träumereien bringen uns nicht weiter."

Kontinuität hat Vorrang

Mit Babbel, der ebenfalls nicht gerade als Mann der lauten Töne gilt, sich vielmehr durch Tugenden wie Sachlichkeit, Akribie und Disziplin einen Namen gemacht hat, scheint Preetz dabei eine Art Bruder im Geiste gefunden zu haben. Hand in Hand arbeiten die Väter des Erfolgs an der Hertha-Zukunft - und das fernab jeglichen Kompetenzgerangels, dafür immer mit höchster Effizienz, ob am Schreibtisch oder während der frühmorgendlichen Jogging-Runden auf dem Trainingsgelände.

Ruhe und Realismus bestimmen das Vorgehen, die Weichen werden bewusst schon beizeiten gestellt. Nicht nur in Sachen Kader, dessen Konturen sich schon Wochen vor dem Trainingsauftakt am 25. Juni deutlich abzeichneten, setzt man auf Kontinuität, sondern auch auf den Schlüsselpositionen hinter den Kulissen. So hat Preetz erst Verhandlungsgeschick bewiesen und den Vertrag mit dem 19-jährigen Shootingstar Pierre-Michel Lasogga - vom Anhang mit großem Abstand zum "Spieler der Saison" gewählt - vorzeitig bis 2015 verlängert, um dann selbst durch das einstimmige Votum des Präsidiums mit einem neuen Arbeitspapier bis 2014 belohnt zu werden.

Hertha setzt auf den Nachwuchs

Dazu hat man sich bemüht, sämtliche Jugendtrainer bis hinunter zur U 15 an den Verein zu binden. "Im Club gibt es eine große Sehnsucht nach wirtschaftlicher Vernunft", sagte Preetz dem Magazin "11 Freunde". Deshalb soll gerade die Nachwuchsabteilung, die von der DFL bereits mehrfach mit der bestmöglichen Wertung von drei Sternen ausgezeichnet wurde, zu den Säulen der "neuen" Hertha gehören. Beim jüngsten Auftritt der deutschen U-21-Auswahl in Portugal standen mit Lasogga, Fanol Perdedaj und Sebastian Neumann immerhin drei Berliner im Aufgebot.

Wo man heute auch hinschaut: Die "Alte Dame" hat den "Betriebsunfall" Abstieg nicht nur recht gut weggesteckt, sondern wirkt geradezu runderneuert und gestärkt. Vielleicht mussten die Hauptstädter erst einen Schritt zurück machen, um nun mit vollem Anlauf erneut in der Bundesliga durchzustarten.

Stefan Missy

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