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Köln - Während der 1. FSV Mainz 05 in der Bundesliga für Furore sorgt, schreibt - von der Öffentlichkeit etwas weniger beachtet - eine Etage tiefer ein Traditionsverein an einer ähnlichen Erfolgsgeschichte: Der Aufsteiger FC Erzgebirge Aue steht nach 11 Spieltagen mit 26 Punkten und seinem besten Start in die 2. Bundesliga sensationell auf dem zweiten Tabellenplatz.

Sensationell auch deshalb, weil Aue kaum mehr Einwohner hat, als in dem 16.500 Zuschauer fassenden Erzgebirgsstadion Platz finden. Trotzdem besuchen regelmäßig über 10.000 Anhänger die Heimspiele des FC Erzgebirge Aue.

Tiefe Verbundenheit zwischen Bergarbeitern und Verein

Eines Vereins mit einer bewegten Geschichte: Nach dem Zweiten Weltkrieg als SG Aue gegründet, folgte 1949 die erste von vielen Umbenennungen. Aus der BSG Pneumatik Aue wurde die BSG Zentra Wismut Aue, dann die BSG Wismut Aue und schließlich 1954 der SC Wismut Karl-Marx-Stadt. Wismut war als großes Bergbauunternehmen der Trägerbetrieb für den Verein.

Obwohl die Stadt Aue aus dem Namen verschwunden war, wurden die Heimspiele weiterhin dort und nicht im etwa 35km entfernten Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz, ausgetragen. Die Bergarbeiter in den umliegenden Abbaugebieten hatten sich erfolgreich für den Verbleib ihres Vereins eingesetzt. Aufgrund der Verbundenheit zwischen Bergarbeitern und Verein wird der Klub bis heute, trotz der lila-weißen Vereinsfarben, auch "Schalke des Ostens" genannt und vor jedem Heimspiel ertönt das "Steigerlied", die Bergarbeiterhymne schlechthin.

Drei Mal DDR-Meister in den fünfziger Jahren

1963 wurde Karl-Marx-Stadt wieder aus dem Namen entfernt und der Verein hieß bis 1990 BSG Wismut Aue. Sportlich waren die goldenen Zeiten mit drei DDR-Meisterschaften zwischen 1956 und 1959 zunächst vorbei. Lediglich in den 80ern konnte man sich noch zweimal für den UEFA-Cup qualifizieren. Ansonsten hieß die sportliche Realität Mittelmaß oder sogar Abstiegskampf.

Die Zeit der Wiedervereinigung begann mit dem ersten Abstieg aus der Erstklassigkeit 1990 denkbar ungünstig. Ein Jahr später verpasste man in der letzten Saison geteilter deutscher Fußballverbände als Tabellenzweiter die Qualifikationsspiele für die 2. Bundesliga nur um ein Tor und fand sich 1991 -mittlerweile unter dem Namen FC Wismut Aue - in der Drittklassigkeit wieder.

Neue Euphorie mit der Saison 2002/2003

Kamen in den 80er Jahren zu den Topbegegnungen noch über 20.000 Fans, so nahm das Zuschauerinteresse nach der Wende dramatisch ab. Als sich der Verein 1993 in FC Erzgebirge Aue umbenannte, sahen im Schnitt nur noch gut 1100 Zuschauer die Begegnungen der Oberligamannschaft. Das hatte allerdings nicht nur mit der sportlichen Entwicklung zu tun: "Die Leute hatten damals einfach andere Probleme und Interessen", erinnert sich Michael Scheffler, Leiter des Fanprojekts Aue.

Während der 90er Jahre blieb Aue immer drittklassig, was durch die mehrmaligen Reformen der Ligen und der damit verbundenen stark erhöhten Anzahl von Absteigern durchaus als Erfolg zu betrachten war. Zur Jahrtausendwende kamen im Schnitt immerhin wieder mehr als 3000 Zuschauer ins Stadion, aber eine neue Euphorie wurde erst mit der Saison 2002/2003 entfacht.

Aue-Fans pflegen die Wismut-Tradition

Damals stieg Aue souverän als Meister der Regionalliga Nord in die 2. Bundesliga auf, und obwohl der Aufstieg bereits feststand, kamen im letzten Spiel der Saison über 16.000 Fans ins Stadion. Es folgten fünf Jahre in der 2. Bundesliga und die letzten beiden Jahre 3. Liga. Der Fanzuspruch blieb in der Zweitklassigkeit immer im fünfstelligen Bereich, und auch in der 3. Liga hatte der Verein ordentliche Zuschauerzahlen.

Interessanterweise spielt auch fast 18 Jahre nach der Umbenennung in FC Erzgebirge Aue der Name Wismut eine große Rolle im Leben der Fans und dementsprechend auch in ihren Liedern. Dies gilt auch für die jüngeren Anhänger, die die "BSG Wismut" eigentlich nur noch aus Erzählungen kennen, aber "das wird von einer Generation auf die andere weitergegeben und vererbt", erklärt Michael Scheffler diesen Umstand.

Höhenflug mit Bodenhaftung

Der Name Wismut lebt jedoch nicht nur im Erzgebirge und im Vogtland, dem Kerngebiet der Aue-Fans, weiter, auch die Anhänger anderer Ost-Klubs bezeichnen Aue noch häufig mit dem alten Namen. Als der Verein beispielsweise in dieser Saison bei Union Berlin zu Gast war, verkündete der Stadionsprecher die Partie Union Berlin gegen Wismut Aue.

Diese Verbundenheit mit der Vergangenheit kennzeichnet die Fans aus dem Erzgebirge und so verliert auch durch den aktuellen Höhenflug niemand die Bodenhaftung: "Die Fans freuen sich natürlich, dass es so gut läuft, wissen das aber auch ganz gut einzuschätzen. Vom Aufstieg spricht hier niemand", berichtet Scheffler.

Sollte die Saison allerdings weiter so gut laufen, wird man sich in München, Frankfurt oder Bremen demnächst an ein neues Lied gewöhnen: "Wir kommen aus der Tiefe, wir kommen aus dem Schacht, Wismut Aue die neue Fußball-Macht."

Florian Reinecke