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Kaiserslautern - Auf dem Betzenberg, im Fritz-Walter-Stadion, ist es seit geraumer Zeit gute Sitte, rund zehn Minuten vor Beginn eines Heimspiels des 1. FC Kaiserslautern weder Werbung noch Musik laufen zu lassen. Bei Abendspielen unter Flutlicht erzeugen die Gesänge der Fans dann eine erwartungsfrohe Stimmung - ja, man ist fast geneigt zu sagen, weil es ja in Kaiserslautern ist: so wie früher.

Vor Spielen aber, die Mitte der Woche, 17:30 Uhr, unter Sonnenlicht angepfiffen werden, und sich das Stadion erst mit Spielbeginn füllt, weil die Leute es gerade so von der
Arbeit zum Kick schaffen, herrscht dann kurz vor Anpfiff eine Atmosphäre wie kurz vor einem Nickerchen auf dem heimischen Sofa. So war das am Mittwoch gegen Union Berlin "uffm" Betze (Spielbericht).

Union will sich nicht umhauen lassen

Von dieser herbstlichen Feierabendstimmung schienen vor allem die Berliner erfasst, sie fanden beim FCK nie richtig ins Spiel. "20 Minuten Fußball reichen nicht, wir hatten keinen Zugriff und waren zu mutlos nach vorne", haderte Unions-Trainer Norbert Düwel enttäuscht. Beim entscheidenden 0:1 (42.) durch einen Schuss aus der Drehung von Alexander Ring von der Strafraumlinie standen drei Union-Profis Spalier. Erst am Schluss kamen die Berliner zu Chancen, nachdem Sören Brandy früh mit einem Lupfer Pech hatte (8.).

"Das wird uns nicht umhauen", glaubt Düwel. Der erste Saisonsieg gegen RB Leipzig zuletzt verlieh den Eisernen aber keine Flügel. Vielmehr erinnerte die maue Leistung an das bittere Pokal-Aus in Heidenheim. "Schade", so Düwel, "dass wir aus dieser Geschichte nichts gelernt haben."

Aufbauarbeit für Pechvogel Hofmann

Nach einer guten ersten Halbzeit passten sich die Pfälzer bis zur turbulenten Schlussphase der Schlafmützigkeit der Berliner an. Dann aber gab es Momente, wie man sie selten sieht: Der für Srdjan Lakic eingewechselte Philipp Hofmann erlebte eine Sekunde, die er gerne ungeschehen machen würde und wohl schwer vergessen wird: Der U21-Nationalspieler schaffte das Kunststück, die Kugel aus einem Meter über das leere Tor zu bugsieren (75.) - der Albtraum schlechthin für einen Stürmer.

Und da auch Ruben Jenssen kurz vor dem Abpfiff eine riesige Chance spektakulär verdmasselte (Unions Torwart Daniel Haas war nicht im Tor nach einem Eckball fürs eigene Team, aber Jensen zögerte mit einem Schuss oder einem Abspiel so lange, bis er im Fünfmeterraum schließlich von einem Berliner Abwehrspieler gestört wurde), fand das Spiel einen Ausgang, der an den Stammtischen der Pfalz noch lange für bunten Diskussionsstoff sorgen wird.

"Die Tore müssen die beiden natürlich machen. Aber wir werden das auch mit einem Lachen aufarbeiten", sagte Lauterns Trainer Kosta Runjaic: "Auch, wenn es ein ernstes Thema ist."

"Wir haben uns alle gesteigert"

Die Lauterer Fans stehen in dieser Saison hinter ihrer Mannschaft und den Spielern, die vor allem bei Heimspielen Herz und auch mitunter fußballerische Finessen zeigt. Hofmann jedenfalls bauten sie mit Sprechchören nach dem Schlusspfiff wieder auf. "Er hatte die ganze Unterstützung der Westkurve, das unterstützt unsere Aufbauarbeit natürlich", freute sich Runjaic über die Reaktion der Fans.

Überhaupt scheint Lautern insgesamt auf einem guten Weg, "auch wenn noch nicht alles Gold ist, was glänzt", wie Markus Karl sagt. Es mache sehr viel Spaß mit der Truppe, so der Mittelfeldroutinier: "Wir haben uns alle gesteigert gegenüber der letzten Saison, auch die Fans, die uns super unterstützen."

Runjaic erwartet "knackige Saison"

Durch die Rückschläge bei den Auswärtsspielen lässt sich die junge Mannschaft offenbar nicht aus der Spur bringen. Die Entwicklung steht zwar erst noch am Anfang, aber die sie gibt Hoffnung für Optimismus. Zumal bald wieder Amin Younes nach einem Muskelfaserriss zurückkehren wird. Der kleine Techniker, einer von vier aktuellen U21-Nationalspielern im Team, macht diese Mannschaft noch unberechenbarer.

Mit dem Blick auf das enge Tabellenbild meint FCK-Trainer Kosta-Runjaic: "Das wird eine knackige Saison." Gelingt es, Konstanz in die Leistungen der jungen Talente wie Orban, Zimmer, Heintz, Younes, Demirbay oder Hofmann zu bringen, könnte der FCK eine starke Saison spielen. Die nächste Chance bietet sich am Montagabend beim 1. FC Nürnberg (ab 20 Uhr im Live-Ticker).

Aus Kaiserslautern berichtet Tobias Schächter